Dieses Stück wurde von Kollegen des Museums für gestohlene Kunst geschrieben.
Was bedeutet es, das Erbe in Kriegszeiten zu schützen? Lehren aus der Ukraine
Unter den Gesprächen über die Ukraine, die auf der Europeana 2025 stattfanden, brachte das Panel „Zivilgesellschaftfür die Erhaltung des Erbes in Kriegszeiten“Vertreter des HATA Hub, des Balbek Bureau, des Ukrainischen Heritage Monitoring Lab und des Museums für gestohlene Kunst zusammen. Unterstützt von HATA Hub und Algorythm of Actions stellte das Panel eine zentrale Frage: Was bedeutet es, das Erbe während des Krieges zu schützen, wenn Institutionen zusammenbrechen und das kulturelle Gedächtnis angegriffen wird?
Da staatliche Institutionen mit Ressourcenengpässen konfrontiert sind, ergreifen zivilgesellschaftliche Initiativen in der gesamten Ukraine – von Freiwilligen bis hin zu unabhängigen Fachkräften – Maßnahmen. Sie digitalisieren Sammlungen, verfolgen geplünderte Kunstwerke und dokumentieren Schäden an Architektur und Archiven. Diese Bemühungen, die aus der Krise entstanden sind, entwickeln sich zu langfristigen Systemen der Bewahrung und Rechenschaftspflicht.
Der Podiumsdiskussion zufolge haben sich Bürgerinitiativen oft als widerstandsfähiger erwiesen als offizielle Stellen. Seit 2014 sind horizontale Netzwerke – dezentrale Peer-to-Peer-Strukturen, in denen Menschen und Gruppen gleichberechtigt und ohne strenge Hierarchie zusammenarbeiten – zu einer zentralen Säule des ukrainischen kulturellen Widerstands geworden. Heute sind diese Modelle nicht nur für die Ukraine relevant, sondern auch für andere Kontexte, die von Krieg, Vertreibung oder Klimakatastrophe betroffen sind.
Einige Bemühungen haben unkonventionelle Formen angenommen, z. B. besondere militärische Einheiten, die gefährdete Kulturstätten betreten. Andere konzentrieren sich auf rechtliche Dokumentation und verfolgen geplündertes Erbe trotz fragmentierter Vorkriegsaufzeichnungen. Ironischerweise liefern russische Systeme manchmal genauere Beweise für Diebstahl als lokale Archive. Eine breitere Verschiebung ist ebenfalls im Gange: Umdenken der kulturellen Identität und Öffnung des Zugangs zum Kulturerbe über Plattformen wie Europeana und den gemeinsamen europäischen Datenraum für das Kulturerbe – ein gemeinsames digitales Umfeld, in dem kulturelle Informationen über Grenzen hinweg gespeichert, abgerufen und miteinander verbunden werden können.

Eine digitale Antwort auf kulturellen Verlust
Während der Podiumsdiskussion wurde das Museum für gestohlene Kunst als Beispiel für eine von der Zivilgesellschaft geleitete Reaktion auf kulturellen Verlust präsentiert. Die Initiative wurde als digitale Ausstellung ins Leben gerufen, in der Kunstwerke und Kulturgüter gezeigt werden, die infolge der groß angelegten Invasion Russlands gestohlen, zerstört oder vertrieben wurden.
Heute ist sie als unabhängige Organisation an der Schnittstelle von Kultur und Technologie tätig, die sich der Sensibilisierung und der Befürwortung künftiger Restitution verschrieben hat. Seine Ziele sind klar: Erinnerung zu bewahren, Verluste zu dokumentieren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen.
Die erste virtuelle Galerie des Museums konzentriert sich auf das geplünderte und zerstörte Erbe von Mariupol. Weitere Ausstellungen sind geplant, um Verluste in Cherson, Sumy, Tschernihiw, Charkiw, Donezk, Luhansk und der Krim darzustellen.


Von Mariupol nach Mykolaiv – und ins Metaversum
Die Idee für die Initiative entstand während einer Freiwilligenreise der Kunstdirektorin des Museums, Olena Zenchenko, und Les Yakymchuk, Creative Lead bei der Agentur linza, nach Mykolaiv. Als sie durch die Ukraine reisten, dachten sie darüber nach, wie Kreative auf kulturelle Verwüstungen reagieren könnten und wie neue Technologien wie das Metaversum als Plattformen für Erinnerung und Widerstand dienen könnten. Bald darauf schloss sich Iryna Shostak der Initiative an und schlug vor, dass das Museum über das Geschichtenerzählen hinausgeht und zu einer Plattform für Interessenvertretung wird. Sie initiierte die Schaffung eines Ökosystems von Partnern rund um das Museum und konzentriert sich nun auf Impact Production im Kampf für zukünftige Gerechtigkeit.
Neue Forschung und eine bevorstehende digitale Ausstellung
Das Museum für Gestohlene Kunst führt derzeit mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung ein großes Forschungsprojekt durch. Ziel ist es, die Verluste des kulturellen Erbes der Ukraine infolge des anhaltenden Krieges zu dokumentieren.
In Zusammenarbeit mit ukrainischen Kunsthistorikern, Museumsfachleuten, Rechtswissenschaftlern und Kulturerbeexperten identifiziert und katalogisiert das Team geplünderte, zerstörte oder vertriebene Objekte. Diese Forschung wird zu einem digitalen Katalog führen, der in die nächste digitale Ausstellung des Museums einfließen wird, die im Laufe dieses Jahres erwartet wird.
Was kommt als nächstes?
Das Team hinter dem Museum of Stolen Art baut seine Infrastruktur weiter aus, baut sein Netzwerk aus und setzt sich gemeinsam mit seinen Partnern für Restitutionsmechanismen ein. Im vergangenen Jahr haben sie im Austausch mit wichtigen Akteuren an wichtigen Foren teilgenommen - von den European Heritage Hub Dialogues online, dem dritten European Heritage Hub Forum in Montenegro und der Europeana 2025 in Warschau. Während der Krieg in der Ukraine andauert, bietet diese Initiative ein inspirierendes Beispiel dafür, wie digitale Instrumente und die Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können, um das kulturelle Gedächtnis zu schützen und die künftige Restitution voranzutreiben.
Beteiligen Sie sich
Das Museum für gestohlene Kunst ist offen für eine Zusammenarbeit. Kulturschaffende, Forscher und Institutionen sind eingeladen, sich mit dem Team zu verbinden, das Projekt zu erkunden oder an zukünftigen Ausstellungen teilzunehmen. Für weitere Informationen besuchen Sie die Website oder kontaktieren Sie das Museum per E-Mail: [email protected]
